2. Juli 2013

Jedem Ikönchen sein Krönchen

Vielleicht haben sie es ja mitbekommen. Der Beckham David geht in Rente. Davon wird zwar weder der Krebs geheilt oder die Eurokrise überwunden, noch die Armut der Welt gelindert. Aber es war dann doch allen Medien eine Meldung wert. Der war ja aber auch einer. Der hat so Fussball gespielt, so richtig mit den Füssen und Bällen. Ein wahre Freude wars. Was er aber noch viel besser gekonnt hat, das war Kleider tragen und eine Frisur rund um den Kopf haben.

Der chronisch nörgelnde Mit misanthrop wird nun einwenden, dass selbst dreifach lobotomierte Chihuahuas Kleider tragen und eine Frisur rund um den Kopf haben können. Damit hat der Nörgler natürlich recht, aber er vergisst dabei den Umstand, dass der Beckham das so gut macht, dass er angeblich eine Stilikone geworden ist. Die trendmässig unterbelichteten Mitmenschen und ich fragen sich da postwendend, was eine Stilikone sei und was sie ausmache.

Unter Stil hat man laut Duden entweder den sprachlichen Ausdruck eines Individuums zu verstehen oder die charakteristische und einheitliche Darstellungs- und Ausdrucksweise einer ganzen Epoche. Die Ikone hingegen ist nicht nur ein russisch gepimptes Heiligenbildchen, sondern eben auch eine Person oder Sache, die bestimmte Werte, Vorstellungen oder ein Lebensgefühl verkörpert. Damit steht nun fest, dass der Beckham David eine Person ist, die entweder die Ausdruckweise einer ganzen Epoche verkörpert oder bloss die eigene. Nun darf man getrost davon ausgehen, dass jeder Mensch seine eigene Ausdrucksweise verkörpert, auch wenn es jener in aller Regelmässigkeit sowohl an Eigenheit wie auch an Ausdruck mangelt. Folglich sind dem David seine Ikoneneigenschaften wohl beim Stil der Epoche zu suchen.

In Ermangelung jedweder schöpferischen Tätigkeit des Namensgebers, sind der Epoche Beckham allerdings nur das Tragen von Bekleidung und das haben einer Frisur als Ausdrucksmittel zuzuschreiben. Das mag den Kulturfetischisten etwas mager erscheinen, aber ein Blick auf Davids holde Gattin macht deutlich, dass die Epoche Beckham sich durch eben diese Magerkeit auszeichnet. Zur Ikone des Stils wird man heute also schon dadurch, dass man die schöpferischen Werke anderer Leute zur Schau trägt. Wie weit das Stil hat, das unterlässt des Sängers Höflichkeit zu fragen.

Allein, welch wunderbare Werke menschlichen Schaffens wären unterlassen worden, wenn beispielsweise Frank Lloyd Wright und Vincent van Gogh allein für ihre Haarpracht schon Ikonen geworden wären.

6. Oktober 2010

Wir sind empört!

Jeder noch so zaghafte Blick in die Dumpfbackenmedien beweist unwiderlegbar, dass in diesem Land eine Kultur der Dauerempörung herrscht und diese auch zunehmend zum rechtsetzenden Element avanciert. Dabei kann man es sich auch gleich noch aussuchen, worüber man sich ohne Grund und Ende in allen Farben des Regenbogens empören will. Dicke Kinder, magersüchtige Kinder, kriminelle Kinder, misshandelte Kinder, fehlende Kinder, ausländische Kinder und selbstredend immer auch die Nachbarskinder, sind ein unerschöpflicher Quell der Empörung. 
Aber das reicht natürlich nicht. Wir empören uns über die Raser, die Ausländer, die Abzocker, die Klimahysteriker, die Klimaleugner ( niemand weiss, wie man das Klima leugnen kann) und wenn alles nichts hilft, dann empören wir uns eben über die Medien, die Richter und Politiker. Kurzum, wir empören uns über alles, was nicht unser Arsch ist oder auch nur einen Hauch intelligenter. Wobei die Empörung um die neue Miss Schweiz gezeigt hat, dass wir uns zur Not schon auch mal über etwas empören, was wirklich noch dümmer als ein Arsch ist.
Ändert sich irgendwas, wenn wir uns empören? Rasen die Raser langsamer? Nehmen die dicken Kinder ab? Bestrafen die Richter Ladendiebstahl dann endlich mal gerecht mit lebenslanger Festungshaft? Votieren Politiker dann plötzlich im Sinne der Wähler statt der Verwaltungsratmandate? Lernt die neue Miss Schweiz den Unterschied zwischen einem Studium und dem Wunschzettel fürs Chrischtchindli?
Angesichts der Tatsache, dass wir uns nun schon eine ganze Weile empören und das immer mehr über die immer gleichen Dinge, darf der Schluss erlaubt sein, dass all unser Echauffieren nur gerade den Blutdruck verändert.
Aber wenns doch nun gar nichts bringt, ausser einer langvermissten Wärme in den lahmen Lenden, warum kreischen wir im Stile hinterpommer’scher Pfarrerstöchter jedesmal wild durch die Gegend, wenn jemand etwas macht, das wir weder ändern können noch verstehen wollen? 
Genauuuuuu! Wer kreischt, der denkt nicht. Und das Nichtdenken, das ist ja zusammen mit der Empörung zur höchsten Staatsbürgertugend verkommen. Wer nicht denkt, der fragt auch nicht und damit erspart man sich als grosser Weltenlenker schon mal all die mühsamen Antworten, auf die ganz offensichtlichen Fragen.
Wenn man als grosser Weltenlenker, oder auch bloss als Ex- Bundesrat und Vollzeitgeriatriker, dem Volk den rechten (also den einzigen) Weg zeigen will, dann ist das Letzte, was man brauchen kann, so ein informiertes und kritisches Pack, das lesen, schreiben und denken kann. Will wirklich noch jemand ausländische Mitbürger ausweisen, wenn die Zahlen ums Verrecken kein Anstieg der Ausländerkriminalität hergeben?
Will jemand die Bürgerrechte seiner Mitmenschen mit Füssen treten, wenn er erkennen muss, dass die eigenen Rechte dabei auch bachab gehen? Fragt noch jemand nach der Stellung der Schweiz in der globalisierten Welt, wenn man mit dem Finger auf dicke Kinder zeigen kann? Verlangen wir von den Führern des rechten Wegs Lösungen für die Problematik der Überalterung, wenn wir stattdessen über die fremden Richter lästern können, die uns zumindest einen Teil unserer Demokratie erhalten? Fordern wir noch Antworten, wenn all die Fragen in der Empörung untergegangen sind?
China ist gerade auf dem besten Weg, die Welt zu kaufen und uns stückweise gegen gutes Geld und Freiheitsrechte zurück zu leihen. Wie reagiert die Schweiz drauf? Aus Empörung über Steinigungen im Iran verbieten wir hier die Minarette. Wer sowas nicht als den Gipfel der Cleverness erkennt, der braucht vielleicht doch ein Studium an der Open University von Oxford oder Kuhmercedes.

28. Juli 2010

Liebe SVP

Mit der heutigen Post wurde mir dein Pamphlet zur Ausländerfrage zugestellt. Das so dürftig wie schamhaft als Umfrage getarnte Machwerk hat mich erreicht, obschon mein Briefkasten deutlich Auskunft darüber gibt, dass ich mir unadressierte Sendungen verbeten haben will. Vermutlich war der Pöstler ein tapferer Parteisoldat und hat nicht begriffen, dass auch Parteiwerbung eben bloss Werbung ist.
Nun also, liebe SVP, du gibst vor, es wäre dir an meiner Meinung gelegen. Damit kann ich wohl auch vorgeben, dass ich dir das glaube und dir meine Meinung mitteilen.
Besagtes Pamphlet, so es nicht strotzt vor Lügen, manipulierenden Auslassungen und leerem Gewäsch, will mir klarmachen, dass wir in der Schweiz ein gigantisches Ausländerproblem haben, dem wir uns sofort und mit allen menschenrechtswidrigen Mittel anzunehmen hätten. Vielleicht weisst du, liebe SVP, ja noch nicht, dass “Umfrage” kein Synonym für “Indoktrination” ist. Dies würde auf ein massives Sprachdefizit deinerseits schliessen lassen, aufgrund dessen wir dir, gemäss deiner eigenen Doktrin, keinen Platz in diesem Land gewähren dürften.
Nun aber zu deinem Kernanliegen, den Ausländern. Du scheinst der Ansicht, dass Leute ohne Schweizer Staatsbürgerschaft so eine Art Wertschöpfungssubstrat darstellen, das man nach Belieben bewirtschaften kann. Wir wollen nur die Guten, die uns was bringen und sobald die uns nichts mehr bringen, oder böse sind, sollen sie wieder gehen. Aber weisst du, liebe SVP, auch Menschen ohne helvetische Staatsbürgerschaft sind Menschen. Das ist nicht einfach Vieh oder Kopfsalat. Zudem sähen wir wohl alle so alt aus, wie es der Dattergreis aus Herrliberg ist, würden uns all die hart arbeitenden Krankenschwestern, Hilfsarbeiter, Handwerker, Kleingewerbler und Angestellten fehlen, die da aus dem Ausland gekommen sind. Der Forschungsstandort Schweiz wäre innovative Wüste, ohne Akademiker und Studenten aus dem Ausland.
Aber das sind ja auch die Ausländer, die du zur Not grad noch so knapp dulden willst, so sie sich klaglos ausbeuten lassen. Nur eben, da vergisst du scheinbar ganz, dass dies schon lange kein Dulden mehr ist. Ohne diese Menschen könnten wir den Laden von heute auf morgen dichtmachen.
Wir brauchen die Menschen aus anderen Ländern. Damit haben wir zu akzeptieren, dass auch solche kommen, die wir nicht so super finden. Die gehören nämlich einfach zu jeder Gesellschaft dazu. Immigration ist, besonders wenn man auf Gedeih und Verderben darauf angewiesen ist, kein Wunschkonzert.

Also liebe SVP, das Ausländerproblem ist keines und damit könntest du dich doch den echten Probleme zuwenden, vor denen dieses Land steht. Wie wärs mit Lösungsvorschlägen zur Gleichberechtigung, Verkehrspolitik, Umweltproblemen, demographischem Kollaps, Bildung und Aussenpolitik?
Keine Antworten? Dann mach doch mal eine Umfrage dazu, vielleicht gibt dir das Volk dann die Antworten. Zumindest die 70%, die dich nicht wählen, können das vermutlich recht gut.
Liebe Grüsse

Einedienocheinemeinunghat

12. Juli 2010

Freude herrscht!

Die Spanier sind programmgemäss Weltmeister geworden. Die Medien jubeln pflichtschuldigst und wir alle nicken brav und artig, wie damals das maximalpigmentiere Symbolfigürchen in der Sonntagsschule.
Das war aber auch ein Fest! Gut, die Stadien in Südafrika waren weit weniger gut gefüllt als die Taschen der Fifa Funktionäre, aber man kann ja nicht alles haben. Dass jeder Hauch von Fussballstimmung im monotonen Getröte der Vuvuzelas untergegangen ist, das ist einfach eine uralte afrikanische Tradition, denn immerhin gibt es die Tröten schon seit sieben Jahren. Dann wären da noch die Schiedsrichterleistungen, über die man in einem Anfall von überbordendem Euphemismus als nicht vorhanden betiteln könnte, sowie die wirklich atemberaubend schönen Spiele, die scheinbar aber nur auf den Bolzplätzen der Townships zu sehen waren. Der artig nickende Fussballkonsument wirft in so einem Moment selbstredend ein, dass es ja nun sicher nicht die Aufgabe der Fifa sei, eine spannende und stimmungsvolle WM zu organisieren, schliesslich sei sie ja damit ausgelastet, die Kleiderordnung in den Stadien durchzusetzen und die Sponsoren zu beglücken. Und recht hat er, der artige Konsument. Dieses Fussballzeugs, das ist knallhartes Geschäft und nicht irgendein Larifarisport, an dem man Freude haben soll. Man soll konsumieren und die Schnauze halten.
Das ist auch das, was die Medien in vorbildlicher Weise getan haben. Nicht den Hauch von echter Kritik an Blatter Seppis Kokser- und Freiertruppe war zu lesen, zu hören oder auch nur andeutungsweise zu vernehmen. Die Medien haben es doch sogar geschafft, die Fair Games Kampagne quasi totzuschweigen. Kritik ist eben schlecht fürs Geschäft, wenn sie gegen einen Monopolisten geht.

Ein böser Mensch würde nun behaupten, das gar nicht so sehr die Freude, denn vielmehr die Fifa die da herrsch. Für Freude sei der Fussball weder der rechte Platz noch die rechte Zeit. Schliesslich geht es um die gerechte Sache des Verbandes und das von den Zwangsräumungen in den Armenvierteln über die Berichterstattung in den Medien, bis hin zum Minirock der Holländerinnen. Alles hört auf das Kommando von Massa Blatter. Damit sind wir nun wieder dort, wo wir schon mal waren. Die Kolonie ist die ganze Welt, die Kolonialherren kommen von der Fifa und wir alle sind das Negerli in der Sonntagschule, das nur noch artig nickt, wenn der Rubel rollt.

Das mit der Freude, das ist dann wohl eher die Sache vom 3. FC Hintertupfingen, wo die Bratwurst bezahlbar ist und die Vereinsspitze nicht nonstop die Mittellinie vom Rasen in die Nase zieht.
...und anders als der WM Final, ist die Tribüne am Sonntag dann auch ausverkauft, alle 15 Plätze

11. Juni 2010

Wir sind die Kaiser von China

Seit ein paar Jahren vernehmen wir aus dem Reich der Mitte immer wieder ganz erstaunliche Neuigkeiten.
Das Volk der agilen, fahrradfahrenden Gemüse- und Tofuesser, die in völliger Selbstaufgabe und uniformer Askese nur dem Wohle des Volkes und dem Wohlergehen einer herrschenden Kaste dienen wollen, fahren Auto wie die verrückten, fressen sich an Unmengen von Fleisch rund und faul und beuten sich gegenseitig aus egoistischen Grünen aus bis aufs Blut. Ausserdem schimpfen sie auf die Regierung. Die Chinesen sind europäisch geworden.

Wir hingegen sollen nun alle Fahrrad fahren, Vegetarier werden, bis ins alter agil und sportlich bleiben, uns für unsere Mitmenschen und die herrschende Kaste der Banker aufopfern und selbstredend kritiklos hinter DER Partei stehen.
Das alles kann man ja vermutlich noch mit Maslow erklären und der Tatsache, dass wir schon genug Autos haben, um zu erkennen, dass Glück nicht in Drehmoment gemessen wird.

Was dem naiven Gutmenschen nun aber nun wirklich als ein unauflösliches Paradox erscheint, das ist die Tatsache, dass die Chinesen in Heerscharen ihr Leben und ihre Freiheit hergeben, auf dass der Staat sich endlich zu den Menschenrechten bekenne und sie einhalte, derweil sich bei uns die vermeintlich demokratischen Kräfte darin überbieten, diese Menschenrechte mit dem Segen des Volkes auszuhöhlen, abzuschaffen und zur schlichten Makulatur verkommen zu lassen.
Sind wir wirklich schon solche Chinesen, dass wir jubeln, wenn selbsternannte Volksretter die völkerrechtlichen Menschenrechtsgarantien kurzerhand ausser Kraft setzen wollen? Was ist so böse an Religionsfreiheit, Diskriminierungsverbot und Persönlichkeitsrechten, dass wir sie willig und freudig der Diktatur des verblendeten Mobs opfern? Wer schützt denn uns und unsere Rechtsordnung vor einer Mehrheit, die nicht mal weiss, was eine Verfassung und ein völkerrechtlicher Vertrag ist? Wer oder was soll uns davor bewahren, dass der Einzelne zum Objekt eines Volkswillens verkommt, der ja doch nur der blinde Parteigehorsam orientierungsloser Egomanen ist. Die Chinesen haben erkannt, dass der Mensch, der Souverän ist, wenn es um die grundlegenden Rechte des Menschen geht.
Wir haben diese schlichte Wahrheit scheinbar genau so vergessen, wie die Tatsache, dass eine Demokratie ohne Rechtstaatlichkeit nicht existieren kann.

Dazu passt perfekt, dass die chinesische Regierung entschieden hat, dass die Folter im Strafprozess keinen Platz mehr haben darf, weil sie der Rechtsordnung schadet. Bei uns wird ein gleichlautender Entscheid aus Strassburg allerdings mit Unverständnis und Groll aufgenommen. Folter ist also wieder salonfähig bei uns. Wie lange geht es wohl, bis wir die Sklaverei wieder lässig finden? Dann wären wir die echten Kaiser von China.

Memento Mori!

Also lasst uns ein bisschen vom Tod reden, vom Tod der einfachen Leute. Der mag nicht ganz so medienwirksam sein, wie der vom Politiker, der ein Leben lang seine Jünger auf Recht und Ordnung eingeschworen hat, und dann im Vollsuff mit dreifach übersetzter Geschwindigkeit sein Leben auf einem jämmerlichen Dorfanger ausgehaucht hat. Auch die Schauspielerin, die sich für Schönheit und Gesundheit zu Tode gehungert hat, soll nicht unser Ding sein. Reden wir vom lieben alten Mütterchen, das am Morgen kalt unter den Daunen liegt und dort dann auch noch drei Monate liegen bleibt, weil nicht mal seine Kinder es vermissen. Reden wir vom Motorradfahrer, der mit hundertachtzig Sachen seinen Kopf und damit sein Leben gegen eine Mauer gefahren hat und damit seinen Job als Riskmanager fristlos losgeworden ist. Reden wir vom kleinen Buben, der an Leukämie gestorben ist, bevor seine Eltern ihm mittels PID ein Knochenmarkspenderbrüderchen basteln konnten. Reden wird vom schlechten Sterben und dem guten Tod, wo wir auf keinen Fall sterben dürfen, aber im Tod noch nützlich sein sollen.

Suchen wir doch mal gemeinsam den Moment, wo der Tod aufgehört hat, die logische Konsequenz des Lebens zu sein und zum vermeidbaren Übel degradiert wurde. Dabei würde doch keiner von uns sein Leben lieben können, wüsste er nicht um sein sicheres Ende. Aber scheinbar dürfen wir nicht mehr sterben. Politiker wollen uns vom Rauchen und Essen abhalten, auf dass wir ewig lebten. Ligen aller Art wollen uns Kleider, Nahrung, Lebensgestaltung und Freizeitverhalten vorschreiben, auf dass unser Wandeln auf Erden nur ja kein Ende nähme. Wir sind moralisch verpflichtet unserem Leben so viele Tage zu geben, wie nur irgend möglich sind, derweil es moralisch scheinbar ganz in Ordnung zu scheint, den Tagen jedes Leben zu verweigern.

Dabei macht ein sinnlos verlängertes Leben nicht den geringsten Sinn. Es ist evolutionärer Schrott. Ja, Mäuse und Menschen leben länger, wenn sie nur das Allernötigste essen. Aber ihre Reproduktionsrate ist unter aller Sau. Wo ist da der Sinn des Lebens, wenn wir eines Tages alle alt, mager und kinderlos sind?

Wir werden alle sterben. Das ist vorläufig noch Gewissheit. Da kann es unmöglich schaden, wenn wir vorher noch ein bisschen leben, auch wenn wir damit unsern Tod herbei führen.

27. Mai 2009

Work In Progress

Seit geraumer Zeit flattert allwöchentlich der Newsletter der Uni auf meinen virtuellen Schreibtisch. Darin stehen nett adrett aufgereiht die Forschungserfolge besagter Uni. Wer wo Aussergewöhnliches gleistet hat, und was das für den Fortschritt in der Welt so bedeutet. Da kann man ganz erstaunliche Dinge erfahren. In einer Zeit, wo ein Gutteil der menschlichen Kommunikation darin besteht, in Rudimenten der Sprache Kurznachrichten über Energiewellen zu versenden, hat man erforscht, dass gewisse Einzeller das Gleiche tun. Man erfährt, dass auch dann noch schlafmustermässig wie ein Kleinkind schläft, wenn man schon seit Jahren wie ein Grosser durch die Gegend poppt . Es wird einem mitgeteilt, dass die Webseiten der Kantone von einem Drittel der User schlicht als wirrer Müll empfunden werden, die Kantone aber seit drei Jahren nichts dagegen unternehmen. Das tröstet den Menschen doch sehr, der gerade zwei Stunden vergeblich versucht hat ein Onlineformular auszufüllen, das bei jedem Abschicken einen Fehler in der Datenbank angezeigt hat. Er ist nicht allein. Dieser Mensch weiss dank der unermüdlichen Arbeit der Forscher nun auch endlich, dass man besser atmen kann, wenn die Luftqualität besser ist. Wer hätte sowas für möglich gehalten?

Das ist doch fast so überraschend, wie die Tatsache, dass Nachtigallen nachts vögeln und Umweltgifte krank machen. Dank den Millionen, die wir in die Forschung stecken, erfährt der freudig erregte Laie nun, dass es Parallelen gibt in der Neurogenese von Mensch und Fliege, wenngleich einem dann doch nicht erklärt wird, warum die Hirnentwicklung bei manchen Menschen auf der Fliegenstufe verharrt und das ein Leben lang. Überhaupt ist der ganze Denkapparat des Menschen ein unerschöpflicher Fundus an Forschungsgegenständen. Gewaltige Maschinen und ehrwürdigen Professoren aus aller Welt ergründen unermüdlich, wie der Mensch denkt, wo genau er denkt, warum er manchmal schnell und dann wieder ganz langsam denkt, wie der Mensch schlafen muss, damit ihm das Gedachte präsent bleibt und ob Pflanzen genau gleich denken. Leider forscht niemand an der Ursache, warum manche Menschen nicht mal so viel wie Pflanzen denken.

So wird also an allen Dingen, für alle Zwecke und aus jedem denkbaren Anlass irgendwas geforscht. Wirken Psychotherapien und wenn ja, wie und welche? Kann man mit Sport ausländische Kinder integrieren? Welches Eiweiss bildet Muskeln und wie sieht der erste Sex der heutigen Jugend aus? Für das Geld, mit dem man in Afrika 100'000 Menschen vor dem Hungertod retten könnte, sucht man hier nach neuen Behandlungsmöglichkeiten gegen Fettleibigkeit. Während ein Drittel der Menschen nicht lesen und schreiben kann, basteln findige Menschen am Quantencomputer, und im Haus nebenan untersucht jemand die Folgen lebenslanger Armut auf das Modebewusstsein indischer Frauen.

So als unbedarfter Laie ist man recht verblüfft, wozu Neugier, Forscherdrang und schnöde Ruhmsucht den Menschen so treiben. Man staunt über all die Dinge, die der Mensch findet und erfindet, wenn er nur lange und heftig genug danach sucht. In dieser ganzen Fortschrittseuphorie, die einen ganz unweigerlich erfasst, ob all der schönen, neuen Dinge, kommt man dann aber nicht umhin sich zu fragen, warum eine Uni, der es angeblich möglich ist, eine menschliche Nervenzelle in 3D abzubilden, über Wochen nicht in der Lage ist, ein simples Mikrofon in einem Hörsaal zu reparieren. Diese Frage ist wohl noch Gegenstand aktueller Forschung.

6. Februar 2009

Kampf der Kulturen

Seit das westliche Abendland entdeckt hat, dass auch andere Kulturen sinnlose Gewalt, Bigotterie, Unterdrückung, Ausbeutung und irrationalen Hass hervorbringen, ist es bemüht, zumindest eine dieser andern Kulturen mit allem zu bekämpfen, was besagtem westlichen Abendland eben an sinnloser Gewalt, Bigotterie, Unterdrückung, Ausbeutung und irrationalem Hass zu Verfügung steht. Der aktuelle Punktestand liegt bei 9/11: 7/4 für die Abwesenheit von Vernunft. Da mag man sich in seiner selbstgefälligen Überlegenheit gemütlich in den Ohrensessel zurück lehnen und mit dem versnobten Lächeln eines abgetakelten Humanisten über die Unfähigkeit der Leute zum Dialog spotten. Aber wie jeder weiss, dauern diese Momente rotweinseliger Selbstzufriedenheit immer nur gerade bis zum nächsten Realitätseinbruch. Dann ist Ende der Zuckerstange und man findet sich selber mitten in einem ganz andern Kampf der Kulturen wieder, und der hat weit mehr Potenzial an Absurdität, als es das Moslemabfackeln je haben könnte.

Man erkennt sich nämlich plötzlich selber im Widerspruch zur vermeintlich eigenen Kultur. Man findet seinen aktiven Wortschatz im Lexikon der bedrohten Wörter wieder und kann auswärts keinen Kaffee mehr trinken, weil man das Trendwort für Milchkaffee nicht kennt. Ja, waren das noch Zeiten, als man bei Chippendale als einziges an Möbel dachte und als Gothic noch der englische Begriff für das Zeitalter Riemenschneiders und des Kölner Doms war. Man kann sagen, was man will, aber die Welt war übersichtlicher, als Romantik noch was mit Caspar David Friedrich, Lord Byron und Franz Schurbert zu tun hatte und nicht mit der dreiundzwanzigsten Kuschelrock CD und einer Flasche Prosecco von Aldi. Wo sind sie nur hin, die klaren, einfachen Zeiten, als der Russe noch der antikapitalistische Feind war und nicht die Stütze der Luxusindustrie, als die Chinesen noch ihre Kultur revolutioniert, statt unsere nachgeäfft haben? Warum streben wir heute nach dem Fahrrad und die Chinesen nach dem Auto? War das nicht alles mal anders?

Da steht man nun auf der Strasse und versteht nicht, dass es diesen jungen Herren nicht peinlich ist, dass ihre Unterhosen über den Bund der schlechtsitzenden Hose herausragen. Man erkennt mit Erstaunen, dass man für eine durchgewetzte Jeans mit Löchern und Flicken dreimal mehr bezahlen muss, als für eine ganze. Man liest mit Erstaunen, dass ein Bonus, der doch für die Belohnung besonderes guter Leistungen gedacht ist, neuerdings auch bei komplettem Versagen fällig wird und dass der freie Markt scheinbar darin besteht, dass sich die Monopolisten frei beim Staat bedienen. An welchem Tag wurde die Welt in ihr eigenes Gegenteil verkehrt?
Wenn man nur lange genug lebt, dann wird man ein Fremder in der eigenen Welt und schon muss man mitleidig über sich selber lachen, weil man so komplett unfähig zum Dialog mit der Salesmanagerin im Takeawaycoffeeshop ist und immer noch nicht begriffen hat, dass ein Milchkaffee eben eine Latte ist und die eben kein Brett mehr.

5. November 2008

Endlich Gerechtigkeit

Es war einmal eine Frau in mitteleren Jahren, die hatte in ihrer Kindheit schlimme Dinge erlebt mit einem Mann, der all die Dinge mit ihr getan hatte, die er nie hätte tun dürfen. Das ist viele Jahre her und das Leben hatte die Wunden der Frau geheilt. Sie hatte ein gutes Leben, Kinder, einen Mann und freute sich auf einen geruhsamen Lebensabend. Sie hatte das Böse hinter sich gelassen.
Nun wollte es aber der Zufall, dass jemand Kenntnis erlangte von all dem Bösen, das der Frau widerfahren war und weil die Zeit nur noch die Wunden, aber nicht mehr die Taten heilt, begann der Staat mit seiner Aufgabe, das Böse aufzuklären und zu sühnen, den Mann vor Gericht zustellen, auf dass er seiner Strafe nicht entgehe.
So stand sie nun vor Gericht, die Frau, die so viel Böses ertragen musste, vor dem Mann, den sie nie wieder sehen wollte und an den sie all die Jahre nicht mehr hatte denken müssen. Sie musste all das widerholen, was sie nicht mehr wissen wollte, musste neu erleben, was sie hinter sich gelassen hatte. Aber die Gerechtigkeit kennt keine Gnade, auch nicht mit denen, die Opfer waren. Die Frau erlebte nun all das Böse aufs Neue, musste sich genau an jede Pein erinnern, musste jeden unerträglichen Moment erneut ertragen und man sagte ihr, dass es für die Gerechtigkeit sei. Die Frau wurde traurig, sehr traurig und sehr wütend. Ihre Kinder wurden traurig, ihr Mann wurde traurig und alle konnten nur zusehen, wie man die Frau für die Gerechtigkeit unsäglich leiden liess. Sie konnten nichts tun, damit die Frau von dem Bösen verschont blieb.
Am Schluss reichten die Beweise dann nicht aus, damit der böse Mann verurteilt werden konnte. Es war zu lange her und niemand konnte genau sagen, was wann gewesen war. Der böse Mann war wieder frei und niemand konnte ihn jemals wieder für all das Böse belangen, denn das Gericht hatte amtlich festgestellt, dass er all der Dinge nicht schuldig war, die er getan hatte.
Da wurde die Frau noch viel trauriger. Sie hatte vergeben, sie hatte vergessen. Sie hatte gewusst, dass der böse Mann böse war und sie an dem Bösen keine Schuld trug. Aber nun hatte die Gerechtigkeit gesagt, dass der Mann nicht böse war und es war die Schuld der Frau, denn sie hatte für ihr Leben zu viel vergessen. Die Frau wurde immer trauriger und dann ging sie aus dem Leben, in dem sie nicht einmal mehr die Gewissheit hatte, dass der böse Mann eben böse war. Der Mann der Frau wurde wütend. Der Mann der Frau verzweifelte und weil seine Frau nun nicht mehr sein Freund war, fand er Freunde in den dunklen Räumen mit den einsamen Männern und dem billigen Schnaps. Seine Kinder wurden sehr traurig.

Der böse Mann lebte sein Leben bis an das Ende und freute sich, dass die Gerechtigkeit obsiegt hatte.

7. Juli 2008

Edel sei der Mensch

...hilfreich und gut. So weit der Dichterfürst aus Weimar. Aber das ist ja nur eine unverbindliche Verhaltensempfehlung. Jedem freiwillig unmündigen Menschen steht es selbstredend vollkommen frei, so gehässig, borniert und verblödet zu sein, wie es ihm oder ihr gerade behagt. Dem Menschen ist keine Verpflichtung zur Selbstreflexion auferlegt. Er ist nicht verpflichtet, das Gedankengut, das er verbreitet auch wirklich zu denken. Das völlig unkritische Nachplappern von Phrasen und Parolen wird ja in manchen Kreisen gerade zur höchsten aller staatsbürgerlichen Tugenden erhoben. Und dabei ist kein Allgemeinplatz zu banal, um nicht zum Stein der Weisen der Staaträson erhoben zu werden.
Anlässlich der Besetzung eines schrottreifen Fussballstadion schwingt sich das Heer der Denkbefreiten einmal mehr zur geistigen Verteidigung des Eigentums auf und lässt dabei keine Hirnrissigkeit aus, zu der medial kastrierter Geist eben grad noch so fähig ist. Nach einem völlig absurden Polizeieinsatz gegen ein paar feiernde Späthippies, die man im rechtfertigungsgeilen Polizeijargon mal zu linken Politaktivisten hochstilisiert hat, liess man die Leute feiern, denn der Eigentümerin des Stadions war das nämlich ziemlich egal. Die Polizei hat sich entfernt und dem gesunden Menschenverstand wieder Platz gemacht. Damit wäre das Wochenendsommermärchen von Zürich doch zu einem vernünftigen Ende gekommen.
Aber da ist ja noch die Frage mit dem Eigentum. Da haben ein paar besitzlose Idealisten in einer Ruine ein Fest gefeiert und das ohne dafür zu bezahlen oder auch nur um Erlaubnis zu fragen. Wo kämen wir das hin, wenn das plötzliche alle machen würden? Wenn sich irgendwelche Vereine einfach eines Raumes bemächtigen würden, der ihnen nicht gehört, für den sie nicht bezahlen und dessen Eigentümer sie nicht gefragt haben. Man stelle sich mal diese Anarchie vor. Am ende wollen die dann noch die Regeln bestimmen und vermutlich gibts auch Lärm und Dreck. Da gilt es den Anfängen zu wehren.
Man stelle sich mal vor, wie das enden würde, wenn wir das Eigentum nicht mehr vollumfänglich und mit aller Härte des Gesetzes schützen würden. Es könnte passieren, dass sich ein Verein entschliesst, hier in unserem Lande einen kommerziellen Anlass zu veranstalten und dabei riesige Gebiete im öffentlichen Raum zu beanspruchen ohne die Eigentümer, das Stimmvolk von Bund, Kantonen, Städten und Gemeinden um Erlaubnis zu fragen. Natürlich würde sich dieser Verein auch vorbehalten, in diesen okkupierten Gebieten des öffentlichen Raumes klare Regeln aufzustellen, wie man sich dort zu kleiden und was man dort zu konsumieren habe. Wenn man schon nichts bezahlt, kann man doch zumindest bestimmen. Den Lärm und den Dreck, der so eine Veranstaltung mit sich bringt wäre natürlich ganz Sache der Eigentümer des öffentlichen Raumes und natürlich hätten die Ordnungsorgane des Staates dafür zu sorgen, dass den Mitgliedern des veranstaltenden Vereines nichts böses widerfährt. So weit käme das, wenn man solche Leute einfach machen liesse. Vermutlich würde man das dann Euro 08 nennen. Man kann es mögen oder nicht, aber objektiv betrachtet haben die Leute im Hardturm nicht anderes als die Uefa gemacht. Im Gegensatz zur Uefa haben sie einfach ihren Müll selber entsorgt und der öffentlichen Hand keine Kosten in Millionenhöhe verursacht.

Die Sache mit dem Eigentum ist also recht einfach. Wer Millionen mit der Besetzung des öffentlichen Raumes verdient, die nicht versteuert und alle Kosten auf die Allgemeinheit überwälzt, der ist eben gut, weil er reich ist. Wer allerdings nur eine kleine Nonprofitparty feiert und keine Kosten verursacht, der soll gefälligst arbeiten und mal schauen, dass er sich selber ein Stadion kaufen kann.
Was hat die Uefa wohl für die 3 Wochen Miete vom Bellevue bezahlt?
Wie edel ist wohl der Mensch, der in seiner geldhörigen Verblödung scheinbar völlig negiert, dass grosser Besitz nie erarbeitet wird. Grosser Besitz ist ausnahmslos das Ergebnis von wirtschaftlicher und oekologischer Ausbeutung und sozialer Ungerechtigkeit. Es ist schon etwas sehr zynisch, zu argumentieren, dass man erst mal ein paar hundert Existenzen vernichten, Tausende Arbeiter ausbeuten und die Umwelt zerstören muss, bevor man auf dem Hardturm rechtens ein Fest feiern dürfe.

21. April 2008

Einmal Hü und einmal Hott

Bei den xenophoben Kräften im Lande gibt es die lustige Idee, es solle gegen eine Entscheidung des Bundesgerichtes, den Gemeindestimmbürgern überlassen sein, wen sie in ihrer Gemeinde einbürgern wollen und wen sie ohne Angabe von Gründe nicht haben wollen. Daneben laufen aber auch Bestrebungen, dass eingebürgerte Ausländer ihr Bürgerrecht wieder verlieren sollten, wenn sie straffällig würden. Das alles wird dem Volke als Demokratie und Sicherheitspolitik verkauft. Man glaubt es, oder auch nicht, aber in diesem Lande scheinen sich bei 30% der Stimmbürger ob solcher Absurdität und Willkür nicht die Nackenhaare zu sträuben. Wird in solchen Kreisen eigentlich jemals eine Gedanke bis zum Schluss durchgedacht? Oder liegt das einzige Brestreben darin, mit immer neuen Schnapsideen seinen Platz im Medienrummel zu behaupten, auf dass nur ja nie jemand auf die Idee kommt, nach Inhalten und Lösungen zu fragen?

Was würde es denn in letzter Konsequenz bedeuten, wenn beide Forderungen Einzug in unser Gesetzeswerk erhalten würden? Da würden Menschen unabhängig von Sachverhalten eingebürgert, weil nur das Volk fehlerfrei bestimmen könne, wer denn nun Schweizer sein dürfe und sobald dieser Mensch eine Straftat beginge, würde per Gesetz der Volksentscheid aufgehoben, weil er ja so fehlerfrei gar nicht war. Das Bürgerrecht der Schweiz würde sowas wie in Lotterielos, losgelöst von rechtsstaatlichen Prinzipien und demokratischen Grundsätzen. Es würde abgewertet und jeder Substanz beraubt. Es ist schon etwas sehr bizarr, wie man unter dem Vorwand, schweizerische Werte zu wahren, alles was schweizerische Werte sind einfach bachab gehen lassen will.

Was macht das schweizerische Bürgerrecht denn so begehrt? Vermutlich ja kaum, eine Spielberechtigung an der EM. Bürger diese Landes zu sein, das bedeutet Teil eines zuverlässigen, demokratischen und rechtsstaatlichen Systems zu sein, zu dem sich die Bürger bekennen und das die Bürger vor Willkür und Entrechtung schützt. Das ist ein Unding sondergleichen, wenn diese Sinnbild für dauerhafte Zuverlässigkeit nun beliebig erteilt und entzogen werden soll, wie die Eintrittsberechtigung in einen Szeneclub.

Die Selbstinszenierung besagter Kräfte mutet wohl in der Tat manchmal an wie die Aufmerksamkeitsprostitution der Szenegirlies, aber noch haben wir es in der Hand, dass man aus der Schweizerischen Eidgenossenschaft keinen beliebigkeitsorientierten Szeneclub macht. Wir müssen nur die Gedanken der andern ganz fertig denken.

20. April 2008

Rote Rosen

Es war viel zu kalt für Ende November und da lag viel zu viel Schnee. Drei Stunden Fahrt lagen noch vor ihnen und der Tag war anstrengend gewesen. Die Frau hatte schon lange nicht mehr gesprochen. Sie hatte nur da gesessen, in ihrem Pelzmantel, und aus dem fahrenden Auto in den Schnee hinaus gestarrt. Hinaus in die kalten, blauorangen Lichter der Autobahnbeleuchtung, in den kurzen Abend mit seiner graukalten Dämmerung, in die leere Nacht. Sie hätte mit dem Mann reden können. Darüber, dass es zu kalt war für Ende November, darüber, dass zu viel Schnee lag und wie sehr sie die kurzen, schmutziggrauen Sonnenuntergänge im Novembernebel mochte. Es war ihr Geburtstag, sie war ein Novemberkind, und sie hatten ihn gefeiert, so wie man Geburtstage eben feiert. Er hatte ihr rote Rosen geschenkt, eine für jedes Jahr, in dem sie zusammen ihren Geburtstag gefeiert hatten. Das waren fünfundzwanzig rote Rosen. Er hatte ihr immer rote Rosen geschenkt. Nie hatte er einen Geburtstag vergessen und nie einen Jahrestag. Er hatte immer alles so gehalten, wie man es eben hält. Er war ein guter Fahrer; sicher, zuverlässig, vorsichtig und geübt. Er war der Mann, neben dem man im Auto getrost schlafen konnte und sie war sehr müde.
“Sollen wir da vorne raus für eine Tasse Kaffee und eine kleine Pause?”, fragte er. Sie nickte stumm. “Das wird uns gut tun”, sagte er, setzte den Blinker und fuhr auf den Parkplatz der Raststätte. Er suchte einen Platz nahe beim Eingang. Sie sollte nicht zu weit durch den Schneematsch gehen müssen in den schönen Schuhen und dem teuren, neuen Kleid. Er öffnete ihr die Tür und half ihr aus dem Wagen. Die Wolkendecke war aufgerissen und schenkte den Menschen auf dem Parkplatz den Blick auf die feine Mondsichel in ihrem milchigen Licht. Wind kam auf, ein beissend kalter Abgesang auf die Novemberstürme von anfangs Monat.
“Nimm die Rosen mit, du kannst sie nicht im Auto lassen! Es ist November und viel zu kalt für die Rosen”, sagte er. Die Frau versuchte zu lächeln. Sie öffnete die hintere Tür des Wagens, nahm den grossen Strauss mit den Rosen in den Arm und schloss die Tür. Das waren fünfundzwanzig rote Rosen in einem buntschimmernden Zellophan, oben eine Masche aus rotem Samtband und eine kleine, weisse Karte mit einem Herz. Der Kaffee und die Pause würden ihr gut tun. Im Laden hatte man die Dornen von den Rosen entfernt. Nichts sollte ihre Schönheit trüben. Im Restaurant, wo sie gegessen hatten, hatte jemand eine nasse Papierserviette um das untere Ende der Rosen gewickelt und eine Plastiktüte. Auf so einem langen Weg wären die Stiele sonst angetrocknet. Der Strauss wog schwer in den Armen der Frau. Er hatte ihr nie Sonnenblumen geschenkt oder Flieder. Der November war nicht der Monat für Sonnenblumen und Flieder. Rote Rosen waren aber immer passend. Manchmal hätte sie sich Veilchen gewünscht, Nelken, Astern oder auch nur ein paar Zweige von einem winterdürren Baum. Aber es war ihr Geburtstag und da musste es etwas Besonderes sein, wie jedes Jahr.
Die Raststätte war leer und warm, viel zu grell beleuchtet. Da war eine Weihnachtsdekoration an den Wänden; roter Plastik, grüner Plastik und kleine Töpfe mit Weihnachtsternen auf den Tischen. Aus unsichtbaren Lautsprechern ergoss sich synthetischfröhliche Weihnachtsmusik auf die Plastikdekoration. Sie bestellten Kaffee. Der Mann rauchte und redete. Ja, das Essen war wundervoll gewesen. Der ganze Tag war wundervoll gewesen. Er war so froh, dass da noch ein Tisch frei gewesen sei und das Essen sei ja wirklich vorzüglich gewesen. So speziell und einzigartig. Für sie wollte er immer nur das Beste. Man könne froh sein, wenn man da an einem Sonntag überhaupt noch einen Platz bekäme. Jeder wolle da hin. Ob ihr die Rosen gefielen und ob sie auch nicht zu kalt hätte. Die Frau versuchte ein Lächeln. Es war längst Zeit für die letzte Etappe der Heimreise.
Vor das letzte milchige Licht der feinen Mondsichel hatte sich eine Wolke geschoben und nun fielen wieder schwere Leintuchflocken aus dem Himmel. Draussen auf dem Parkplatz hatte der Wind einen winterdürren Ast von einem der Bäume neben die Beifahrertür geweht. Es war ein Buchenzweig von den hohen, schwarzgrauen Bäumen hinter der Parkplatzumzäunung. Ganz unten am Stiel war eine grünblaue Flechte und aussen an den Spitzen waren die leeren, struppigen Hülsen der Buchhecker. Der Zweig lag im schmutzigen Schnee neben dem Auto und das blauorange Licht der Autobahnbeleuchtung tauchte ihn in das kalte Licht der zu kalten Novembernacht. Die Frau legte den schweren Strauss mit den roten Rosen wieder auf den Rücksitz, zog ihren Mantel aus und legte ihn dazu. Dann schloss sie die Tür, hob den Buchenzweig auf, setzte sich in den Wagen und legte sich den schneenassen Zweig in den Schoss.
“Hast du nicht zu kalt, so ohne Mantel und dann noch das nasse Ding da auf den Beinen?” fragte der Mann.
“Novemberkinder frieren nicht”, sagte die Frau und lächelte.

Zeit der Heilung

Der eine bigotte, alte Mann aus Rom weilt gerade beim nicht ganz so alten, aber nicht minder bigotten Mann in Washington zu Besuch. Er hat wie immer, die Botschaft der Liebe und der Artigkeit im Gepäck und wie immer, sieht er sich mit den Opfer von so viel Liebe und Artigkeit konfrontiert. Tausende missbrauchter Kinder, die über Jahrzehnte von ihren Seelsorgern gequält wurden lassen sich nicht mehr mit etwas Schweigegeld und Loyalitätsgefasel unter Tisch kehren. Die unappetitliche Wahrheit wird nicht mehr aus lauter Scham und Rücksicht auf die Täter totgeschwiegen.

Es ist ja nun nicht so, dass Pädokriminalität unter katholischen Priestern ein US-amerikanisches Phänomen wäre. Überall auf der Welt, wo die Seelsorger in der rigiden, lust- und damit lebensfeindlichen Sexualmoral der römisch-katholischen Kirche gefangen sind, kommt es zu solchen Übergriffen. Nun will der Papst der Kirche und damit den Gläubigen mitsamt den Seelsorgern, Heilung verordnen und den schmierigen Morast seiner nicht ganz sittsamen Hirten erhellen. Das klingt schon fast philanthropisch, denn Heilung und Erhellung tun bitter Not.
Nur das mit der Heilung hat einen Klumpfuss. Heilung bedingt die Beseitigung der Krankheitsursache, und genau darum herum windet sich der Pontifex im gleichen unverständlichen Mass wie sein Vorgänger.
Die Kirchenoberen halten an einer Sexualmoral fest, die in ihrer ganzen Entstehungsgeschichte völlig praxisuntauglich und lebensfremd ist und war. Darüber hinaus lässt die Kirche ihre Priester scheinbar vollkommen im Stich, wenn die in ihrer Not nicht mehr weiter wissen und unter dem Druck straffällig werden.
Ist das Menschenliebe, wenn man die Essenz des Lebens erst verteufelt und die Menschen in ihrer Verzweiflung darob als Sünder hinstellt und im Stich lässt?

Wäre es nicht endlich an der Zeit, für eine Emanzipation der körperlichen Liebe? Wenn lange vor dem Rebbe aus Nazareth die Erkenntnis gewonnen wurde, dass Agape und Eros gleichwertige Erscheinungsformen der Liebe sind, und selbst besagter Rebbe das nie in Abrede gestellt hat, dann wäre es doch langsam an der Zeit, dass diese Erkenntnis auch bei den selbsternannten Nachfolgern des Rebbe ankommt. Wer vorgibt, die Liebe im Gepäck zu haben und dabei psalmodierend sexuelle Artigkeit fordert, der fördert am Ende nur die sexuelle Abartigkeit und damit den Tod jeder Liebe.

Zottel - Die Symbolfigur

Es ist eine allgemein bekannte Wahrheit, dass sich Ideen am besten mit Symbolen transportieren lassen. Aussterbende Arten will man mit dem Pandabären retten, das Seelenheil mit einem Hinrichtungsinstrument und neuerdings will eine ehemalige Volkspartei die Schweiz mit einem Ziegenbock retten. Dieser Altherrenverein der monetär sehr und intellektuell kaum betuchten Kulturproleten scheint es sich dabei allerdings zum Ziel gesetzt zu haben, sich bis auf die Knochen zu blamieren. Betrachtet man sich dieses fleischgewordene Symbol urschweizerischer Durchsetzungskraft - ein netter Euphemismus für Sturheit - und Potenz etwas näher, dann bleibt beim eigenständig denkenden Betrachter im freundlichsten Fall eine irritierte Ernüchterung.

Wer im Heidiland vom Geissenpeter nämlich eines jener imposanten und kulturträchtigen Tiere erwartet, wie sie die alpinen Gegebenheiten der Schweiz in einer erstaunlichen Vielfalt hervorgebracht haben, der wird bitter enttäuscht. Zottel der Bock ist nämlich weder Schweizer, noch ein Bock. Er ist ein kastrierter Afrikaner und wie alle seiner Art, weder sonderlich stolz, noch sonderlich beeindruckend. Das soll also das Symbol einer ehemaligen Bauernpartei sein? Ein zwergenhafter, harmloser, impotenter, dickbäuchiger und krummbeiniger Bastard? Gäbe es auch nur noch einen echten Bauern in den Entscheidungsgremien dieser Pseudodemokraten, er würde ob so viel Missachtung urschweizerischer Viehzuchtmaximen heulend das Weite suchen.

Aber wenn dieser kleine Exbock nun beim besten Willen nicht als Symbol für schweizerische Tugenden und Werte taugt, dann ist er doch das perfekte Symbol für jene, die ihn entweder aus schlichter Ignoranz oder in arroganter Hoffnung auf die Ignoranz ihrer Wähler, zum Symbol für diese Werte küren wollten. Was symbolisiert diese Stammtischrunde hemdärmeliger Tattergreise unter der Ägide eines frustrierten und geifernden Ex-Bundesrates besser, als ein Exziegenbock, der zusammen mit einem abgehalfterten Exhengst irgendwo im Stroh rum dümpelt und lediglich noch Fäkalien und Gemecker von sich gibt?

Wäre man den älteren Herrn aus reiner Pietät nicht zu einer Art Grundwohlwollen verpflichtet, so könnte man sich noch in ein paar weit unfreundlicheren Analogien ergehen. Betrachtet man sich nämlich die Böcke echter schweizer Urrassen, dann wild sehr schnell klar, warum sich dieser politische AHV-Club keinen echten, potenten und wahrhaftigen Schweizer auf die Bühne ihrer Selbstdarstellung geholt hat. Wer sich jemals den mindestens 75 kg Lebendgewicht und den meterlangen Hörnern eines echten schweizer Ziegenbocks gegenüber sah, der weiss recht genau, dass so einer nicht für Bühneauftritte vor rösslistumpenrauchenden Haldengutpatrioten taugt. Dafür ist zu viel Kraft und Eigensinn in so einem Tier. Und so wie die Parteispitze einem echten schweizer Ziegenbock nicht gewachsen wäre, so braucht sie eben eine Wählerschaft aus geistig kastrierten, handzahmen Nichtdenkern, um mit ihren etwas sehr seichten Spielchen nicht aufzufliegen.

20. Juli 2006

Kampf gegen die Gewalt

“Fighting for peace is like fucking for virginity” so der nette Spontispruch aus... egal wann. So kurz und eindringlich wie das klingt, würde man meinen, das passe auch dem letzten Hohlkopf in die celebralen Freiräume. Weit gefehlt, die selbsternannten Hüter von Frieden und Gewaltlosigkeit überbieten sich gegenseitig darin, Zwist und Gewalt mit aller Gewalt zu unterdrücken.

Wer nun meint, es gäbe da nur die sternebannernwedelnden Rüstungs- und Energiemultis, die dem Winkeladvokaten aus Texas aufgetragen haben, die ganze Welt mit Terror und Krieg zu überziehen, damit Terror und Krieg keine Chance haben, dem fehlt der Blick für das kleine Feine. Wir Tellensöhne und -töchter können auch ganz nett absurd sein, wenn es darum geht, der Gewalt Einhalt zu gebieten. Mit schweizerischer Gründlichkeit gibt es kein Halten mehr, wenn es darum geht, irgendwas gewaltfrei zu kriegen.

Ok, ganz so stimmt das nicht. Die jährliche 1.-August auf dem Rütli Sicherheitsblamage, die kriegt man irgendwie nicht in den Griff. Und schon ist es da, das Absurde und Wirre. Man erfindet ganz wunderbare Sicherheitsvorkehrungen damit ja nur nicht ein einziger gewaltbereiter Dummkopf in ein Fussballstadion kommt, aber es scheint menschenunmöglich, Dutzende von Skinheads daran zu hindern, alljährlich die höchsten Würdenträger der Schweiz auf unflätigste zu beschimpfen und die Feier zum Nationalfeiertag derart zu stören, dass man schon über einen Verzicht nachdenkt. Niemand wird erklären können, warum man optisch so klar erkennbare Störenfriede nicht einfach von solchen Veranstaltungen ausschliesst, was dann aber wieder ein ganz anderes Thema ist.

Aber so schnell gibt der Innerschweizer nicht auf. Der urchige Sohn von Tell und Telline denkt sich, dass was für den Fussball gelte, doch auch für die Feier auf dem Rütli angewandt werden könne. Wer immer an dieser Feier teilnehmen will, der muss sich im Vorfeld unter Angabe von Personalien anmelden und sich beim Betreten des Areals ausweisen. So weit, so genial und datenschützerisch bedenklich. Und da scheitert dann auch schon das Vorhaben für ein Mindestmass an Sicherheit für unsere Staatsoberhäupter. Dieses Sammeln von Daten sei nämlich von übel, weil hier Grundlagen des Datenschutzes verletzt würden.

Man merke: Wenn die Daten von Tausenden, meist vollkommen harmloser Fussballfans gesammelt und ausgetauscht werden, und das sogar grenzübergreifend, dann ist das gut, weil es für die Sicherheit gut ist und für den Kampf gegen die Gewalt. Wenn man ein paar hundert Leute auf dem Rütli mit ihren Daten registrieren will, dann ist das nicht zulässig, weil Datenschutz vor geht.

Da stehen wir nun, die Erben von Freiheit, Menschenrechten, Gewaltentrennung und Demokratie und demontieren im Namen der Sicherheit nach gutem amerikanischen Vorbild all diese Werte. Ein Hooligangesetz kommt und schon darf alles an Daten gesammelt und verwertet werden, was irgendwie für die Bekämpfung der Gewalt relevant sein könnte. Vorsorglicher Freiheitsentzug wird ein reiner Verwaltungsakt und jeder Fan bis zum Beweis des Gegenteils mal ein Hooligan. Aber bitte, das gilt nur für den Fussball und nicht für Veranstaltungen wie zum 1. Mai und zum 1. August. Da gelten dann die bürgelichen Freiheiten zum Scheibeneinschlagen, Leutebeschimpfen und Autosanzünden.

Wer nun wütend wird, weil hier fundamentale Bürgerrechte im Namen der Sicherheit einfach abgeschafft werden, der halte besser an sich mit Kritik. Beim nächsten Einkauf im Fanshop seines Fussballvereins könnte er schon in einer Kartei für gewaltbereite Fussball- und Bürgerrechtsaktivisten landen. Der Kampf gegen die Gewalt muss ohne Rücksichten geführt werden. Man muss die Gewalt mit allen Mitteln bekämpfen und zwar immer dort, wo sie ausbrechen könnte. Eigenartigerweise aber nie dort, wo sie entsteht. Sie entsteht in den Köpfen desillusionierter und perspektiveloser Menschen, die in der Gewalt den Ausdruck finden, den man ihnen als Mitglieder der Gesellschaft verwehrt.

Aber der Kopf ist auch bei Hooligans weiter oben als die Brieftasche mit dem Ausweis und so weit hinauf will sich in diesem Lande wohl niemand auf Weg machen. Man bleibt auf dem gängigen Level von Arsch, Brieftasche und Ausweis.

 

18. Juli 2006

Warum die alte Dame auf der Parkbank sitzt.

Es war einer dieser lauen Frühsommerabende, die wie geschaffen waren, für den Beginn grosser Leidenschaften oder das Ende kleiner Liebeleien. Am äussersten Tisch des Cafés, unten am Seeufer, sass ein älterer, sehr ernsthafter Mann und trank einen Mokka. Es trat ein anderer, wenig jüngerer Mann auf ihn zu, fragte freundlich, ob er sich dazu setzen dürfe. Auf das kurze Nicken des ersten, nahm er zu dessen Linken Platz. Es verstrichen ein paar Minuten, in denen die beiden Männer schweigend auf den See hinaus schauten, der ältere mit unstetem Blick, den Möwen folgend, der wenig jüngere in scheinbarer Selbstvergessenheit auf einen fernen Punkt weit ausserhalb des erkennbaren Horizontes. Die Bedienung kam und der zweite, wenig jüngere Mann bestellte einen Espresso. Der ältere Mann starrte unverwandt auf den See hinaus, da sprach ihn der wenig jüngere an. “Gestatten Sie, mein Herr, aber ist es möglich, dass Sie Herr Nietzsche sind? Ich vermeine, Sie wiederzuerkennen.” Mit leicht amüsierter Verwunderung bestätigte der ältere Mann die Vermutung des wenig jüngeren und fragte nach dessen Name. “Hocherfreut, mein lieber Herr Nietzsche, darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Jean Paul Sartre und ich bin, wie sie, Philosoph von Beruf und aus freiem Willen. Ich habe viele Ihrer Werke gelesen und auch wenn ich Ihr Genie durchaus zu würdigen weiss, so sehe ich doch, dass unsere Ansichten in ein paar ganz essentiellen Punkten divergieren.” Der ältere Mann, uns jetzt als Friedrich Nietzsche bekannt, liess den andern kaum seinen Satz beenden, bevor er ihm, aufbrausend und energisch entgegnete: ” Mein lieber Freund, ihre Freundlichkeit in Ehren, aber was kommt sie an, zu behaupten, wir wären Philosophen aus freiem Willen, wo sie doch, wenn sie meine Schriften gelesen haben, wissen, dass ich nicht an die Willensfreiheit der Menschen glaube? Diese angebliche Freiheit des Willens existiert so wenig, wie der Gott, in dessen Namen wir in Willen gezwungen werden, die uns knechten und nie und nimmer zu freien Menschen machen.” Der wenig jüngere Mann, den wir jetzt als Jean Paul Sartre kennen, neigte mit einem stillen Lächeln den Kopf zur Seite und hob an: ”Mon cher Frédéric, eben gerade in den Ansichten über die Freiheit des Menschen, den eigenen Willen zu leben oder ihn auch nur zu haben und sich darüber Rechenschaft abzulegen, muss ich Sie deutlich widerlegen.”



“Ich werde Ihnen belegen,” fuhr Monsieur Sartre fort, ”dass es eben gerade die Freiheit des Willens ist, was den Menschen erst zum Menschen macht. Der Mensch ist erst dann Mensch, wenn sein Leben von seinem Willen gelenkt wird, wenn er als selbstbestimmtes, denkendes und mündiges Wesen entscheidet und die Verantwortung für seine Entscheidungen übernimmt. Wir als Menschen haben immer die Wahl, allein mit der Kraft des freien Willen, uns über unsere Triebe, unsere Geschichte, die Moral und gesellschaftliche Zwänge hinwegzusetzen. Wir sind nicht wehrloser Spielball von Konventionen, Trieben und Moralgesetzen. Die Menschwerdung beginnt mit unendlichen Optionen, von denen wir frei all jene wählen, die wir vertreten und verantworten können und wollen. Ein jeder von uns lebt das Leben, das er sich durch seine Entscheidungen verdient hat. Es gibt keinen Gott, es gibt keine Bestimmung und nicht einmal die Macht der passiv aggressiven Gesellschaft kann und darf uns als Ausrede dienen, die Verantwortung für unser Handeln von uns zu weisen. Der Mensch ist dazu verdammt, seinen Lebensweg zu bestimmen und die Konsequenzen seiner Handlungen als selbstverschuldet anzunehmen. Unsere schiere Existenz verurteilt uns dazu. Sie sehen, lieber Freund, der freie Wille ist die Essenz des Menschseins.”



Der Herr Nietzsche wurde bei jedem Satz seines Gegenübers etwas aufgeregter und ungehaltener. Sein energisches Kopfschütteln liess erkennen, wie wenig er den Ausführungen des Franzosen zustimmen konnte. “Mein lieber Freund” wandte er sich an Monsieur Sartre: “Mein, lieber, guter Freund, natürlich gibt es keinen Gott, der unser Handeln leitet und bestimmt, aber damit ist auch schon alles gesagt, womit sie recht haben. Beim ganzen Rest ihrer Ausführungen kann ich ihnen nur aufs Schärfste widersprechen. Das alles ist doch nur Wasser auf die Mühlen der Pfaffen und all der Andern, die den Menschen mit dieser Fiktion des freien Willens knechten und manipulieren wollen. Erst diese Erfindung des freien Willens gibt ihnen die Möglichkeit, Schuld, und damit eine Sühneforderung, auf die Menschen zu laden. Wer den Menschen sagt, sie würden frei entscheiden, der will nicht ihre Freiheit, der will sie mit dem unhaltbaren Versprechen der Freiheit nur besser beherrschen. Sehen sie die Kirchen, die Staatsapparate, die Gesellschaften an. Jede dieser Mächte stellt Regeln auf und sanktioniert deren Nichtbefolgung aufs Schärfste. Wo ist da die Freiheit? -In der Behauptung, dass der Mensch sich aus freien Stücken entscheide, gegen die Regeln zu verstossen?- Kein Mensch nimmt aus freiem Willen Strafe auf sich. Er tut es, weil die Umstände ihn zwingen. Aber mit der Lüge des freien Willens liegt die Verantwortung nun nicht beim Urheber dieser Umstände, sondern bei dem, der sich gegen sie stellt. So kann der Mensch in eine Schuld getrieben werden, die von andern geschaffen, aber vom einzelnen getragen werden muss. Wir sind, wie sie richtig bemerkt haben, nicht die Marionetten eines Gottes; den hat die Erkenntnis längst getötet. Aber wir sind genauso wenig die Produkte einer Gesellschaft oder gar unserer Selbst. Das was ein Mensch ist, das ist er einfach, ohne Wenn und Aber und die Gründe sind nichtig. Allein, wir werden für unsere Handlungen zur Verantwortung gezogen, ohne dass eine solche Verantwortung jenseits menschlicher Machtbestrebungen existiert. Dieser freie Wille hat nur den Zweck, den Menschen mit Schuld zu beladen, um ihn von der Sühne abhängig zu machen.“



Der Herr aus Frankreich legte ob dieser Worte des Herrn aus Deutschland seine Stirn in Falten und schüttelte nur nachsichtig seinen Kopf. “Mein teurer Freund, wie können sie hingehen und den Menschen zum willenlosen Objekt in seiner Umwelt degradieren? Ist das Humanismus? Der Mensch muss doch erkennen, dass ausser seiner reinen Existenz nichts gegeben ist, sondern, dass sein Leben seinem Willen und seiner Verantwortung unterliegt. Der Mensch muss zur Einsicht gelangen, dass er weder gut noch schlecht ist, sondern erst durch das Urteil der andern als gut oder schlecht angesehen wird. Dieses Urteil ist aber dann die Quintessenz seiner Entscheidungen, und er wird somit vor sich und der Welt zu dem Menschen, den er sich erschaffen hat. Es ist Liebe zum Menschen, wenn man ihm klar macht, dass er nicht das willenlose Spielzeug höherer Mächte oder eines unbeirrbaren Schicksals ist, sondern das Ergebnis des eigenen, selbstbestimmten Willens.”



Nun wurde es dem Mann aus Deutschland doch zu viel und er versuchte seine abstrakten Ideen mit einem Bild zu verdeutlichen. Er bediente sich dazu der alten Dame, die sich unweit des Cafés auf eine Parkbank hinsetzte und an einer Leine einen kleinen, putzigen Apricotpudel führte. “Schauen sie, Monsieur, die alte Dame da drüben auf der Parkbank! Was denken Sie, was die Dame hergeführt hat? Warum wohl ist sie hier und nicht an einem anderen Ort? Warum führt sie diesen kleinen Hund an der Leine? Sie können nicht ernstlich behaupten, dass sie nur hier sitze, weil sie all das so gewollt habe. Sie sitzt hier, weil ihr Leben einfach so verlaufen ist, dass sie heute hier sitzt und nicht eine beliebige andere Sache macht. Sie trägt ihr Haar so, weil es gerade Mode ist und sie nichts anderes kennt, als sich der Mode zu fügen. Sie geht hier spazieren, weil alte Damen für gewöhnlich eben im Park spazieren gehen. Sie sitzt auf der Bank, weil sie sich des Alters wegen ausruhen muss. Sie ist allein mit ihrem Hund, weil das ihr Leben ist. Sie hat nichts dafür oder dagegen unternehmen können. Sie hat auf ihr Leben lediglich im Rahmen ihrer Möglichkeiten reagiert und es nicht gestaltet.”



Ganz euphorisch nahm der Mann aus Frankreich den Faden auf, den Herr Nietzsche gerade gesponnen hatte. “Au contraire, mon ami, es ist nur das Ergebnis ihrer willentlichen Entscheidungen, dessen wir hier ansichtig werden. Diese Frau ist ein Mensch und sie hat jede Möglichkeit, ihr Leben frei zu gestalten. Sie kann ihre Triebe kontrollieren, Zwänge überwinden und frei entscheiden. Nichts hindert sie daran, sich die Haare grün einzufärben. Es ist ihre Entscheidung, hier allein mit dem Hund zu sein, statt bei geliebten Menschen. Wenn ihre Rente nicht hoch genug ist, dass sie sich hier einen Kaffee leisten könnte, dann ist es das Ergebnis ihrer Weigerung, sich mit anderen Leuten für eine Verbesserung der Altersversorgung einzusetzen. Wenn sie sich benimmt, wie sich alte Damen nach den Regeln der Gesellschaft zu benehmen haben, dann aus freiem Willen, weil sie die Konsequenzen nicht tragen will. Die Freiheit, sich gegen die Gesellschaft zu entscheiden, die hat sie aber.”



“Ich sehe schon, Herr Sartre,” entgegnete Nietzsche, “wir kommen zu keinem Konsens über die Freiheit des Willens. So wollen wir nun die Dame - als unser exemplarisches Objekt - fragen, was es denn nun sei, was sie hergeführt habe, die Umstände des Lebens oder die Freiheit des Willens.” Der Herr Sartre erklärte sich nach kurzem Zögern einverstanden und so begaben sich die beiden Herren zur alten Dame mit dem kleinen, putzigen Apricotpudel. Sie erklärten ihr das gemeinsame Anliegen und fragten sie, was sie denn nun hergeführt habe.

Mit einem an Verblüffung grenzenden Erstaunen entgegnete die Dame:” Es ist erstaunlich, wie zwei so kluge Männer so dumme Fragen stellen können. Natürlich war es mein Hundchen, das mich hergeführt hat.”

“Ihr Hundchen?”, fragten die beiden Herren mit nicht minderer Verblüffung.

Da hüpfte das kleine Apricotpudelchen neben die alte Dame auf die Bank und erklärte den verdutzten Herren: “Gestatten, die Herren, ich bin Gott, und im Gegensatz zu Ihnen, lebe ich.”